Safari im Vorzeige-Reservat – doch bis auf die Schilder, die auf sie hinweisen, zeigt sich kein einziges Tier. Stattdessen geraten zwei Frauen – die Schriftstellerin Jenny und die Kuratorin Conny – in ein Geflecht aus Geschichten von kolonialer Sammelwut, wissenschaftlicher Klassifikation und der Erfindung des »Exotischen«. Historische Figuren wie die Expeditionschronistin Ina Reck, die Großwildjägerin Vivienne von Wattenwyl oder die Tierillustratorin Anna Held treten auf. Zwischen Fieberträumen und Artefakten meldet sich das Naturkundemuseum zu Wort – als Ort, der einst Tierkörper katalogisierte und heute mit seiner Geschichte hadert. Und die Elefanten – wo sind sie hin? Ihr buchstäblich langes Gedächtnis trieb sie in die Flucht, denn der Savannenboden ist blutgetränkt. Von geraubten Welten führt eine weitere Spur schließlich ins Labor zu Haruki, einem Affen und dessen Frage, welches Recht es uns erlaubt, bis in sein Hirn vorzudringen und ein Leben auf einen Stuhl zu fixieren. Koloniale Arten ist eine verstörende, notwendige, vielstimmige Denkbewegung über Erinnerung, Verlust und die Dringlichkeit, unsere Beziehungen zur mehr-als-menschlichen Welt neu zu denken.
Regie: Christine Nagel
»Forever«, murmelt die Schriftstellerin, Fotografin und Großwildjägerin Vivenne von Wattenwyl, als in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts in Afrika ein Elefant auf sie zuschreitet. Sie geht in die Knie, »vor Schönheit und vor Ehrfurcht«, wie Inga Buschs lauernde, trauernde Erzählerinnenstimme sagt. (…) Abgeknallt hat von Wattenwyl ihn dann doch noch. Ihre schwarzen Helfer mussten ihm die Haut abziehen, dann wurde der Balg in die Schweiz gekarrt. Eine »Mordslust« im Namen der Wissenschaft. Der rekonstruierte Elefant, aus Afrika geraubt, steht seither ausgestopft im Naturkundemuseum Bern.
Aber er ist deswegen nicht stumm, solange man, wie Obexer, hinzuhören weiß. Sogar ein Museum ist bei ihr nicht stumm, nicht einmal ein Reservat, selbst wenn sich darin kein einziges Tier mehr zeigen mag. Die in Südtirol aufgewachsene Schriftstellerin, Theaterautorin und Kuratorin versteht es wie derzeit nur wenige, das Verhältnis zwischen Mensch und Tier in seiner Widersprüchlichkeit und Intensität erzählerisch zu verdichten. Politisch ist ihre Herangehensweise dabei insofern, als sie Haltungen und Taten Einzelner
der Geschichte ablauscht, anstatt den agitatorischen Eifer von Heute auf sie niederprasseln zu lassen.
Geister der Gegenwart Schicht für Schicht, Raum für Raum und Figur für Figur rekonstruiert sie ohne manipulative Emotionalität die Spuren kolonialistischer Verbrechen, die bis ins Heute ragen.
Auszug aus der Rezension »Leere Landschaft voller Geschichten« (Jochen Meißner)
In der Regie von Christine Nagel erzählt Maxi Obexer eine Geschichte des Kolonialismus, die die üblichen Klischees vermeidet und die Ambivalenzen europäischen, aufklärerischen Denkens ausstellt, ohne es vorschnell über Bord zu werfen. Hier findet keine Empörungsbewirtschaftung statt, sondern eine Auseinandersetzung mit Denkfiguren des Kolonialismus, wie man sie in der jüngeren Hörspielgeschichte nur in Edgar Lipkis »Feedback Nigger Radio Reservation« (WDR 2013) und Paul Plampers »Dienstbare Geister« (WDR/BR 2017) gehört hat. Im Dialog dieser drei Hörspiele ergibt sich eine Trilogie medialer Weltkonstruktionen, die weit über ihr Thema hinausreichen.
LINKS
Süddeutsche Zeitung
KNA Mediendienst
»Raum für Raum und Figur für Figur rekonstruiert sie ohne manipulative Emotionalität die Spuren kolonialistischer Verbrechen, die bis ins Heute ragen.« Cosima Lutz, epd Medien
»Eine diskursive und assoziative Geschichte über das Verhältnis der Menschen zu den Tieren, speziell dort,wo der Mensch sich ohnehin schlecht benimmt.« Stefan Fischer, Süddeutsche Zeitung
»Maxi Obexer greift auf historisch verbürgte Biografien und reale Ereignisse zurück: auf Expeditionen, Jagden, wissenschaftliche Sammlungen und auf die wahre Geschichte eines Laboraffen. Aus diesen dokumentierten Spuren formt sie einen dichten erzählerischen und herausfordernden Raum, in dem Fakten, Stimmen und Zeiten ineinandergreifen.« Michael Becker, NDR
»Es sind immer Wechselbeziehungen, die Maxi Obexer schildert. Und es ist das nie widerspruchsfreie Verhältnis von Natur, Aufklärung und Kultur, das die Wahrnehmung steuert. Natürlich sind diese Wechselverhältnisse auch Ausbeutungsverhältnisse. Selbst die Toten werden enteignet.« Jochen Meißner, KNA Mediendienst
Safari im Vorzeige-Reservat – doch bis auf die Schilder, die auf sie hinweisen, zeigt sich kein einziges Tier. Stattdessen geraten zwei Frauen – die Schriftstellerin Jenny und die Kuratorin Conny – in ein Geflecht aus Geschichten von kolonialer Sammelwut, wissenschaftlicher Klassifikation und der Erfindung des »Exotischen«. Historische Figuren wie die Expeditionschronistin Ina Reck, die Großwildjägerin Vivienne von Wattenwyl oder die Tierillustratorin Anna Held treten auf. Zwischen Fieberträumen und Artefakten meldet sich das Naturkundemuseum zu Wort – als Ort, der einst Tierkörper katalogisierte und heute mit seiner Geschichte hadert. Und die Elefanten – wo sind sie hin? Ihr buchstäblich langes Gedächtnis trieb sie in die Flucht, denn der Savannenboden ist blutgetränkt. Von geraubten Welten führt eine weitere Spur schließlich ins Labor zu Haruki, einem Affen und dessen Frage, welches Recht es uns erlaubt, bis in sein Hirn vorzudringen und ein Leben auf einen Stuhl zu fixieren. Koloniale Arten ist eine verstörende, notwendige, vielstimmige Denkbewegung über Erinnerung, Verlust und die Dringlichkeit, unsere Beziehungen zur mehr-als-menschlichen Welt neu zu denken.
Regie: Christine Nagel
»Forever«, murmelt die Schriftstellerin, Fotografin und Großwildjägerin Vivenne von Wattenwyl, als in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts in Afrika ein Elefant auf sie zuschreitet. Sie geht in die Knie, »vor Schönheit und vor Ehrfurcht«, wie Inga Buschs lauernde, trauernde Erzählerinnenstimme sagt. (…) Abgeknallt hat von Wattenwyl ihn dann doch noch. Ihre schwarzen Helfer mussten ihm die Haut abziehen, dann wurde der Balg in die Schweiz gekarrt. Eine »Mordslust« im Namen der Wissenschaft. Der rekonstruierte Elefant, aus Afrika geraubt, steht seither ausgestopft im Naturkundemuseum Bern.
Aber er ist deswegen nicht stumm, solange man, wie Obexer, hinzuhören weiß. Sogar ein Museum ist bei ihr nicht stumm, nicht einmal ein Reservat, selbst wenn sich darin kein einziges Tier mehr zeigen mag. Die in Südtirol aufgewachsene Schriftstellerin, Theaterautorin und Kuratorin versteht es wie derzeit nur wenige, das Verhältnis zwischen Mensch und Tier in seiner Widersprüchlichkeit und Intensität erzählerisch zu verdichten. Politisch ist ihre Herangehensweise dabei insofern, als sie Haltungen und Taten Einzelner
der Geschichte ablauscht, anstatt den agitatorischen Eifer von Heute auf sie niederprasseln zu lassen.
Geister der Gegenwart Schicht für Schicht, Raum für Raum und Figur für Figur rekonstruiert sie ohne manipulative Emotionalität die Spuren kolonialistischer Verbrechen, die bis ins Heute ragen.
Auszug aus der Rezension »Leere Landschaft voller Geschichten« (Jochen Meißner)
In der Regie von Christine Nagel erzählt Maxi Obexer eine Geschichte des Kolonialismus, die die üblichen Klischees vermeidet und die Ambivalenzen europäischen, aufklärerischen Denkens ausstellt, ohne es vorschnell über Bord zu werfen. Hier findet keine Empörungsbewirtschaftung statt, sondern eine Auseinandersetzung mit Denkfiguren des Kolonialismus, wie man sie in der jüngeren Hörspielgeschichte nur in Edgar Lipkis »Feedback Nigger Radio Reservation« (WDR 2013) und Paul Plampers »Dienstbare Geister« (WDR/BR 2017) gehört hat. Im Dialog dieser drei Hörspiele ergibt sich eine Trilogie medialer Weltkonstruktionen, die weit über ihr Thema hinausreichen.
LINKS
Süddeutsche Zeitung
KNA Mediendienst
»Raum für Raum und Figur für Figur rekonstruiert sie ohne manipulative Emotionalität die Spuren kolonialistischer Verbrechen, die bis ins Heute ragen.« Cosima Lutz, epd Medien
»Eine diskursive und assoziative Geschichte über das Verhältnis der Menschen zu den Tieren, speziell dort,wo der Mensch sich ohnehin schlecht benimmt.« Stefan Fischer, Süddeutsche Zeitung
»Maxi Obexer greift auf historisch verbürgte Biografien und reale Ereignisse zurück: auf Expeditionen, Jagden, wissenschaftliche Sammlungen und auf die wahre Geschichte eines Laboraffen. Aus diesen dokumentierten Spuren formt sie einen dichten erzählerischen und herausfordernden Raum, in dem Fakten, Stimmen und Zeiten ineinandergreifen.« Michael Becker, NDR
»Es sind immer Wechselbeziehungen, die Maxi Obexer schildert. Und es ist das nie widerspruchsfreie Verhältnis von Natur, Aufklärung und Kultur, das die Wahrnehmung steuert. Natürlich sind diese Wechselverhältnisse auch Ausbeutungsverhältnisse. Selbst die Toten werden enteignet.« Jochen Meißner, KNA Mediendienst